
04 Mai Chris Campe im Kurzinterview
Heute stelle ich Dir Autorin und Schrift-Expertin Chris Campe in meiner kleinen Interviewreihe vor.
Sie war auch bereits im Podcast bei mir in Folge 110 zu Gast. Die Folge kannst Du auch am Ende des Blogbeitrags direkt anhören.
1. Wer bist Du und was machst Du?
Ich heiße Chris Campe, und ich bin als Designerin, Künstlerin und Autorin auf Schrift spezialisiert.
2. Woher kommt Deine Leidenschaft fürs Schriftzeichnen?
Meine Spezialisierung auf Schrift hat mehrere Ursprünge. Einerseits wollte ich mich nicht zwischen Schreiben und Gestalten entscheiden: Nun arbeite ich an der Schnittstelle beider Disziplinen und mache beides zugleich.

Aus Chris Campes Skizzenbuch (© Chris Campe)
Außerdem hatte ich nach einem Diplom in Illustration und einem Master in Kulturwissenschaften genug von der Auseinandersetzung mit Genderdarstellungen – ich wollte keine Figuren und Szenen mehr zeichnen.
Das Schöne am Schriftzeichnen ist, dass ich nie mit einem leeren Blatt beginne, denn die Struktur der Buchstaben ist schon vorgegeben. Ausgehend von dieser Struktur kann ich aber immer wieder neue Formen entwickeln.

Ein Alphabet aus Chris Campes Skizzenbuch (© Chris Campe)
Spannend ist für mich auch, dass Schrift – wie übrigens auch Gender – eine Konvention ist. Es ist eine Übereinkunft darüber, welches Zeichen für welchen Laut steht: Ein H besteht aus zwei Senkrechten mit einer Horizontalen auf halber Höhe. Mit experimentellem Lettering untersuche ich, wie weit ich von der Form abweichen kann, bis der Buchstabe seine Lesbarkeit verliert und zu einer beliebigen grafischen Form wird.
3. Gibt es Rituale bei Dir, um in den kreativen Flow zu kommen?
Feste Rituale habe ich nicht, aber drei Dinge helfen mir:
– dass ich länger als eine halbe Stunde dabei bleibe. Die erste halbe Stunde ist voller Zweifel und Ausflüchte, erst dann komme ich in einen Flow.
– dass ich die Stimmen in meinem Kopf ignoriere und meinem Gespür vertraue
– das Bewusstsein, dass nichts „was werden“ muss, weil ich immer noch überarbeiten und verbessern kann.
4. Welchen Tipp hättest Du gern Deinem jüngeren Ich gegeben?
Vertraue deinem Bauchgefühl und beharre darauf. Wenn es sich nicht gut anfühlt, wird es nie gut sein.
Heute halte ich mich meistens an diesen Rat, aber früher habe ich oft versucht, mich passend zu machen, statt zu erwarten, dass die Welt sich an mich anpasst.

Chris Campe malt eins ihrer Demo-Schilder (© Chris Campe)
5. An welchem Projekt sitzt Du gerade?
Zuletzt habe ich an Band zwei meines Buchs »Alphabets« gearbeitet. Das Buch ist im Januar 2026 erschienen. 2020 habe ich in dem Buch 50 Alphabete aus meinen Skizzenbüchern veröffentlicht, die während einer 100-Tage-Challenge entstanden sind. Für »More Alphabets« stelle ich 50 neue Alphabete zusammen. Es ist interessant, wie sich mein Stil, meine Skills und meine Interessen seit dem ersten Band entwickelt haben.

Buchcover „Alphabets“ von Chris Campe von 2020 (© Chris Campe)
Die Vielfalt dieser Lettering-Alphabete ist eine Freude. In Buchform, meist in Originalgröße gedruckt, machen die Alphabete mehr her als in kleinen Kacheln auf Instagram. Ich freue mich, dass sie nicht nur in meinen Skizzenbüchern versteckt sind, sondern ein Eigenleben als Buch entwickeln.
Die Alphabets-Bücher sind mein erstes Selfpublishing-Projekt. Da die Zeichnungen rein schwarz-weiß sind, eignen sie sich gut für Print-on-Demand. Über den Verlag sind sie in allen Buchhandlungen und international verfügbar, ohne dass ich selbst Rechnungen schreiben und Pakete packen muss.

Buchcover „More Alphabets“ von Chris Campe von 2026 (© Chris Campe)
6. Du verknüpfst politische Statements mit Schriftgestaltung: Warum ist Dir das wichtig? Welche Themen „reizen“ Dich da besonders?
Ich war schon immer ein politischer Mensch. Es gibt ein Foto von mir auf einer Demo gegen Rassismus 1992 oder 1993 in der Kleinstadt, in der ich zum Gymnasium gegangen bin. Links sein, politisch sein – das war selbstverständlich. Ich habe mich immer mit den Schwächeren identifiziert.
2002 zog ich nach Hamburg und fand meinen Freundeskreis in der queer-feministischen Szene. Ich bin Queer-Feministin. Es überrascht mich, wie schwer es vielen fällt, das von sich zu sagen. Was bedeutet das? Sie wolle nicht, dass Frauen und queere Menschen gleiche Rechte und Möglichkeiten haben wie Männer?!
Als ich Anfang 2024 auf die Demos gegen rechts gegangen bin, war das also nichts Neues. Neu war nur, dass ich ein Schild dabei hatte. Und weil auf meinem Schild Schrift stand, habe ich es auf Instagram gezeigt – schließlich betreibe ich dort einen Schrift-Account. Die Resonanz waren überwältigend. Ich dachte davor immer: „Bloß nicht zu politisch, das schreckt potenzielle Auftraggeber*innen ab.“ Doch das Gegenteil war und ist der Fall.

Protestschild von Chris Campe (© Chris Campe)
Manchmal frage ich mich inzwischen allerdings, ob mir meine klare Haltung irgendwann zum Nachteil wird. Muss ich eines Tages auswandern oder in den Untergrund gehen?
7. Hast Du kreative Vorbilder, wer oder was inspiriert Dich?
Mich inspirieren große Arbeiten im öffentlichen Raum, an Wänden oder in dreidimensionaler Form. Außerdem interessieren mich Schriftarbeiten an der Grenze zur Abstraktion, zum Beispiel die der französischen Künstlerin Tania Mouraud und die Wortspielereien der US-Künstlerin Kay Rosen.
Sowohl die neuesten Fonts unabhängiger Foundries als auch historische Manuskripte in digitalen Archiven regen mich an, selbst zu zeichnen und Neues auszuprobieren.

Den Podcast „Der kreative Flow“ gibt es seit Anfang 2019. Inzwischen sind 8 Staffeln und etwa 275 Folgen erschienen. (Grafik: R. Bergmann)
8. Was schätzt Du an Deiner Arbeit als Freiberuflerin am meisten?
Am meisten schätze ich die freie Zeiteinteilung und dass ich an meinen eigenen Ideen arbeite, statt die von jemand anderem umzusetzen.

Schaufenster des Ateliers von Chris Campe, welches sie immer wieder neu beschreibt. (© Chris Campe)
9. Auf welches Projekt, das Du verwirklicht hast, bist Du besonders stolz?
Ich bin stolz auf meine beiden veröffentlichten Briefmarken, auf die sechs Bücher und darauf, dass meine Demoschilder gegen rechts so viele Menschen dazu angeregt haben, ihre kreativen Skills ebenfalls für politische Teilhabe einzusetzen.
10. Welches Buch/Podcast/kreatives Werk hat Dich in letzter Zeit nachhaltig beeindruckt und warum?
Auf der Buchmesse in Frankfurt habe ich mir drei Bücher der Buchkinder gekauft, darunter „Die fünf Würste und der böse Fleischertofu“ des achtjährigen Autors Clemens.
Der Verein Buchkinder e. V. in Leipzig nimmt Kinder ernst und unterstützt sie dabei, ihre Geschichten zu erzählen, zu illustrieren und als Buch zu veröffentlichen. Gemeinsam mit den Kindern produzieren die Mitarbeiter*innen des Vereins professionell gestaltete und hochwertig gebundene Bücher in kleinen Auflagen. Ich wünschte, es hätte so etwas auch in meiner Kindheit gegeben und ich hätte mein erstes Buch nicht erst mit 29, sondern schon mit neun veröffentlicht!
Danke für das schöne Gespräch, liebe Chris!
Dieser Artikel ist eine Ergänzung zum Interview mit Solveig in meinem Podcast «Der kreative Flow».
Hier kannst Du Dir Folge #110 direkt anhören:
Coverfoto: © Alexandra Polina


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